14. Mai 2018

Vor einem halben Jahrhundert Volksschule im Umbruch: Erinnerungen an das Staatliche Schulamt im Altlandkreis Friedberg.

Die „Friedberger Allgemeine“ berichtet am 14. Mai 2018 unter:
„Eine Heimat für Generationen - Jubiläum - Die Grundschule Ottmaring feiert das 50-jährige Bestehen - Inzwischen werden hier die Kinder und Enkel der Ehemaligen unterrichtet“.

Vor 50 Jahren, also 1958 - vor der Gebiets- und Schulreform 1972 - wurde ein neues Volksschulhaus für den „Schulverband Ottmaring / Rederzhausen“ eingeweiht! Meine Festrede als damaliger „Leiter des Staatlichen Schulamtes Friedberg“ zeigt exemplarisch den „Umbruch der Volksschule vor einem halben Jahrhundert“ auf:
Ich zitiere aus dem Originalmanuskript:

„Die Volksschule gilt in unserer Leistungsgesellschaft als eine Brücke in vielerlei Hinsicht … Neben elementaren Kenntnissen und Fähigkeiten entwickelt sie besondere Arbeitstugenden. Sie ist Regulator des sozialen Aufstiegs – und in ihrer Auslesefunktion gewinnt sie zusehends unmittelbaren Bezug zur Wirklichkeit und damit eine neue Eigenständigkeit in Form der Grund- und Hauptschule … Allgemeinbildung und Berufsvorbildung sind gefordert und differenzierte Methoden werden praktiziert (z.B. im Kern- und Kursunterricht, in Neigungs- und Leistungsgruppen) … Die Richtlinien 1966 schließen das geplante 9. Schuljahr ein und bilden die pädagogische Grundlage für einen modernen Unterricht und eine zeitgemäße Erziehung … Unser bayerisches Volksschulgesetz schuf die rechtlichen Grundlagen für die äußeren Gegebenheiten, die für eine eben skizzierte innere Reform unseres Volksschulwesens unabdingbare Voraussetzungen sind … Somit trägt auch der Schulhausbau – vor allem auf dem Lande – zur Erreichung dieser Bildungsziele bei.“

Meine Dissertation an der Ludwig - Maximilians - Universität München, 1965:
„Probleme und Möglichkeiten der Volksschuloberstufe im technischen Zeitalter“. 1969 wurde ich an das - zur „Gebiets- und Schulreform 1972“ gegründete - „Staatsinstitut für Bildungsforschung und Bildungsplanung“ nach München berufen, um die „Modellhauptschule in Bayern“ wissenschaftlich zu betreuen. Sie wurde 2012: „Mittelschule“, auch mit studiumsbezogenen Aufstiegschancen an Fachhochschulen.

Ottmaring und Rederzhausen wurden 1972 in die Stadt Friedberg integriert. Dort gibt es jetzt eine Mittelschule, eine Realschule und ein Gymnasium, aber auch eine Berufs- und Fachoberschule. Steigende Übertrittsquoten in Gymnasien und Realschulen verkleinerten hinfort die ländlichen Haupt- bzw. Mittelschulstrukturen auf dem Lande erheblich.
Auch im 1968 erbauten Schulhaus für die Grund- und Hauptschule Ottmaring verblieb nur die „Johann-Peter-Ring-Grundschule“. Zum Gundschulsprengel gehören nun Ottmaring, Rederzhausen, Bachern, Rohrbach und Hügelshart.

Nachdenklich zitiere ich wiederum aus meiner „Festrede zur Schulhausweihe 1968“ in Ottmaring an der Paar: „Wie bekanntlich dem Lauf der Paar hier in Ottmaring eine neue Richtung gewiesen wird, so möge gleichsam diese Schule auch richtungsweisend für die weitere Bildungsarbeit in diesem Raume werden.“

Nach dem berühmten „Ottmaringer Paardurchbruch“ fließt die Paar durch das „Wittelsbacherland“ und mündet bei Vohburg in die Donau.
Markgraf Diepold III. von Vohburg kultivierte den „Bairischen Nordgau“ und gründete 1135 die „Regio Egire“, das „historische Egerland“. Seine Tochter Adela heiratete in Eger 1147 Friedrich Barbarossa, den Erbauer der „Egerer Kaiserburg“. Ich studierte an der „Lehrerbildungsanstalt in Eger“ und wurde „bayerischer Bildungsforscher“, jetzt daheim in der „Bildungsregion Wittelsbacherland“, die 2015 vom Kultusministerium mit dem „Qualitätssiegel“ ausgezeichnet wurde. (Link zum Beitrag vom 27. November 2015)

Nach „Öffnung der Grenzen“ publizierte ich die Studienreihe „Bildungsregion Euregio Egrensis“, um „grenzüberschreitende Bildungsregionen“ zu fördern. Schulen in meinem Heimatkreis Bischofteinitz / Horšovský Týn und im Landkreis Cham kooperieren. Ebenfalls 2015 erhielt die „grenzüberschreitende Bildungsregion Cham“ das kultusministerielle „Qualitätssiegel“ (Link zum Beitrag vom 30. Juli 2015).

Das „Bildungsverhalten und sozioökonomische Bedingungsfaktoren“ in 330 Kleinräumen nach der Gebiets- und Schulreform 1972 in Bayern.

In einem halben Jahrhundert veränderte sich das „Bildungsverhalten im gegliederten Schulsystem“ wesentlich, wie auch meine Langzeitstudien über Übertrittsquoten in weiterführende Schulen nachweisen. In vielen Kleinräumen begründen niedrige – oder auch bis zu zehnfach gestiegene Übertrittquoten in Gymnasien – vor allem sozioökonomische Bedingungsfaktoren. In einem halben Jahrhundert entwickelte sich Bayern von einem Agrarstaat zu einem Industriestaat. Der ländliche Strukturwandel wandelte auch das ländliche Schulwesen. Neue Industrie- und Dienstleistungsberufe entstanden, die adäquate Schulabschlüsse erforderten.

Übertrittsquoten sind regionale und soziale Indikatoren des Bildungsverhaltens der Mittelschul-, Realschul- und Gymnasiums- Strukturen. Das Schulsystem korreliert mit dem Beschäftigungssystem in Kleinräumen.
In Folge 5 der „Studien und Materialien des Staatsinstituts für Bildungsforschung und Bildungsplanung“ 1976, Seite 141 beschreibe ich „Erhebungsbereiche zur landesweiten Ermittlung der Übertrittsquoten und ihre Verwendung zur Untersuchung des Bildungsverhaltens in Kleinräumen (SBBS-Index)“.
Der „SBBS-Index“ misst die kleinräumige Wirtschafts-, Bildungs- und Berufsstruktur im Flächenstaat Bayern und weist auf die örtliche dreigliedrige Schulsystemstruktur hin, wie auch auf Seite 145 bzw. auf Seite 162 meiner oben genannten Studie beschrieben.

Aus jahrzehntelangen Untersuchungsergebnissen über Bildungsverhalten in Kleinräumen wurde ein Forschungsinstrumentarium entwickelt, das auch Analysen und Prognosen über die Bildungsnachfrage und das Bildungsangebot im Wirkfeld der kleinräumlichen sozioökonomischen Bedingungsfaktoren ermöglicht.
Bildungsforschung erarbeitet und publiziert fundierte Entscheidungshilfen für Bildungspolitik, Bildungsplanung und Bildungsberatung (siehe obige Grafik).

Wie schon vor einem halben Jahrhundert - so ist zurzeit u.a. auch die Integration, zumal hinsichtlich der schulischen Inklusion , ein notwendiger Auftrag für die Bildungsforschung.

Vor einem halben Jahrhundert wurde z.B. im Altlandkreis Friedberg die erste Sonderschule eröffnet: Die „Friedberger Allgemeine“ berichtet am 12. Mai 2018 unter:
„Ein halbes Jahrhundert Individualität - Jubiläum - Seit insgesamt 50 Jahren gibt es die Vinzenz-Pallotti-Schule in Friedberg“.
Auch sie wurde 1968 als erste Sonderschule im Altkreis Friedberg vor der Gebietsreform 1972 errichtet und später als Förderschule bezeichnet. Beim Jubiläums-Festakt lobten die Festredner „das Konzept der Schule, die auf ihre Schüler individuell eingeht und jeden nach Bedarf fördert“.
Vor einem halben Jahrhundert wurden „Sonderschüler“ in Förderschulen eingewiesen. Heute werden sie auch wieder in Regelschulen integriert. Es brauche beide Konzepte.
In der öffentlichen Wahrnehmung werde Integration immer wichtiger. Inklusion sei zurzeit eine bildungspolitische Herausforderung. So wurde auch beim Schulhaus-Jubiläum in Friedberg argumentiert. In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ist die „Vinzenz-Pallotti-Schule in Friedberg“ ein „sonderpädagogisches Förderzentrum des Landkreises Aichach-Friedberg (SFK)“. Es betreut Sonderschüler in „Stütz- und Förderklassen“ mit dem Ziel zur Rückführung in Regelklassen.

Vor einem halben Jahrhundert war also die Volksschule im Umbruch. Der Übergang vom technischen Zeitalter in die digitale Zukunft erfordert offensichtlich wieder neue Bildungsreformen, auch in „grenzüberschreitenden Bildungsregionen“.

Kurzprofil

Dr. phil. Waldemar Nowey (* 11. März 1927 in Neubäu, Egerland) ist ein deutscher Pädagoge, Bildungsforscher und Schriftsteller.

Nach Anstellungen als Lehrer und Schulleiter in Bayern promovierte er 1964 an der Universität München. Anschließend war er als Ausbildungslehrer an der Pädagogischen Hochschule in Augsburg tätig. Von 1969 bis 1989 führte er Studien für das Kultusministerium Bayern durch. In der Deutschen Nationalbibliothek sind 82 Publikationen unter seinem Namen verzeichnet.

Nowey ist verheiratet und hat zwei inzwischen verheiratete Töchter.

Siehe auch Wikipedia.